Vorwort
Mit dem aktuellen LaG-Magazin gerät ein grundsätzliches Thema in den Blick, das nicht zuletzt von aktueller politischer Relevanz und Brisanz ist. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte ist immer – wie Reinhart Koselleck es formulierte – zeit- und standortgebunden. Sie folgt also gegenwärtigen Deutungsmustern und spiegelt damit oft stärker unsere heutigen Perspektiven, Wertvorstellungen und gesellschaftlichen Sensibilitäten wider als den historischen Gegenstand selbst. Diese grundsätzliche Beobachtung gilt selbstredend auch für den Umgang mit demokratiehistorischen Prozessen und Ereignissen, oder – um im Bild des Magazintitels zu bleiben: Die Demokratiegeschichte an sich ist ein „umkämpfter Ort“.
Besonders deutlich wird das am aktuellen Umgang der AfD mit den Symbolen und Erinnerungsorten der Demokratiegeschichte. Mit bemerkenswerter strategischer Konsequenz versucht die AfD seit geraumer Zeit, systematisch zentrale Erinnerungsorte und Symbole unserer Demokratiegeschichte zu vereinnahmen, wie etwa die Farben Schwarz-Rot-Gold, das Hambacher Schloss oder die Paulskirche in Frankfurt am Main, um nur einige prominente Beispiele zu nennen. Das wirft die grundlegende Frage auf, wie diese Vergangenheit eingeordnet und in den breiteren erinnerungs- und kulturpolitischen Diskurs eingebettet werden sollte.
Die neue Gedenkstättenkonzeption des Bundes fokussiert sich nachvollziehbarerweise auf die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus und der kommunistischen Diktatur in der SBZ und DDR. Indem sich die Konzeption allerdings darauf beschränkt, lässt sie für den Bereich der Demokratiegeschichte weitgehend eine Leerstelle zurück − dieser Aspekt unserer Geschichte macht es uns erst möglich, Gewaltherrschaft zu kritisieren und ihr im Vertrauen auf unsere eigene Kraft eine freiheitliche Ordnung entgegenzustellen. Ohne diese bürgerliche Ressource wären weder die Weimarer Republik, noch das Grundgesetz, noch die Deutsche Einheit in Freiheit möglich geworden. Immer wieder sind Personen und Gruppen mit bemerkenswertem Mut und Haltung an unterschiedlichsten Orten und in unterschiedlichen Momenten der deutschen Demokratiegeschichte für politische Partizipation und gesellschaftliche Rahmenbedingungen eingetreten, die heute als wichtige Errungenschaften in unserer Verfassung garantiert sind. Neben dem Gedenken, das uns „Nie wieder!“ rufen lässt, brauchen wir ein Gedenken, das uns zum „Immer wieder!“ inspiriert. Wir bedürfen der Orte, an denen sich unser freiheitlich-demokratischer Geist herausgebildet hat und an und in denen – bei aller Ambivalenz der Demokratiegeschichte – sich diese Prozesse, Bewegungen und Ereignisse manifestieren.
Besonders spannend wird eine solche Perspektive, wenn mahnende Orte des „Nie wieder“ durch zivilgesellschaftliches und erinnerungskulturelles Engagement zu Orten demokratischer erinnerungspolitischer Debatten werden. Damit zeigen sie besonders sinnfällig auch die interessanten Schnittmengen zwischen diesen erinnerungskulturellen Feldern auf. Die Beiträge dieser Ausgabe liefern gerade für diese perspektivische Horizonterweiterung anregende Beispiele.
Dr. Kai-Michael Sprenger
Direktor der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte

